Review

Der inzwischen geballt auftretende Subjektive-Wackelkamera-Horror im Gefolge von "The Blair Witch Project" geht letztlich auf dementsprechende Sequenzen in Ruggero Deodatos "Cannibal Holocaust" zurück, was heute kaum einem Rezensenten mehr bewusst zu sein scheint. Auch da berichteten einige Reporter sensationslüstern - mit einem deutlichen medienkritischen Einschlag dargestellt - über menschenfressende Ungeheuer, so die einseitige Darstellung, die der Film selbst in Frage stellt. "[Rec]", in dessen Mittelpunkt eine Reporterin steht, die sich bei einer Reportage über einen nächtlichen Feuerwehreinsatz plötzlich inmitten eines lebensbedrohlichen Infektionsherdes voller beißwütiger menschlicher Bestien wiederfindet, schlägt eine andere Richtung ein - wenn man hier überhaupt von einer Richtung sprechen kann. Immerhin gelingt es [Rec], nicht nur auf der Wackel-, sondern auch auf der Nerv-Skala durch penetrante Soundeffekte und Buh-Szenen in neue Höhen vorzustoßen.

Man kann Jaume Balagueró und Paco Plaza zwar nicht vorwerfen, sich an J.J. Abrams' grotesk übermäßig beworbenem und bewertetem Wackel-Horror "Cloverfield" orientiert zu haben, da ihr Film in den einschlägigen Datenbanken als ein Jahr früher entstanden eingetragen ist, aber neu sind die Elemente nicht, die die beiden Spanier hier zusammengesetzt haben: Der Reportagegestus mit seiner selbstlaufenden Vermittlung von Realitätsnähe und subjektivem Erleben ebenso wenig wie die im heutigen Horrorfilm bis zum Übergeben präsente Zombie-Thematik, die hier allerdings nicht so genannt wird, da wir es in der Nachfolge von Danny Boyles "28 Days" mit "Infizierten" zu tun haben. Wobei man sich fragt, wieso angesichts der Verbreitung des Themas in der heutigen Populärkultur niemand innerhalb der Filmhandlung selbst auf die Idee kommt, die "Infizierten" als "Zombies" zu titulieren.

Das Böse ist hier, von einigen nachbarlichen Vorbehalten abgesehen, kaum innerhalb der eingeschlossenen Gesellschaft vorhanden, sondern findet fast ausschließlich in Gestalt der "Infizierten", die als reine Monster und zu jeglicher menschlichen Äußerung unfähig dargestellt sind, statt - sowie in Form der lediglich in Schattenrissen und Megaphonrufen erscheinenden behördlichen Sicherheitskräfte, die ein Entkommen der nicht infizierten Einwohner des betroffenen Hauses gnadenlos verhindern. Dass das Böse letztlich aber doch aus der Mitte der Menschen kommt, demonstriert eine Schlusssequenz, die sich gnadenlos im Filmklischee des mit verräterischen Fotos, Zeitungsartikeln und Aufzeichnungen bis zur Decke vollgepflasterten Täter-Zimmers badet.

Horror erzeugt die Produktion aus dem Hause filmax von Produzent Julio Fernandez durch massive Buh-Effekte, die mit plötzlichen Gewaltausbrüchen, unterlegt von aggressiven Soundeffekten (wie etwa schrillen iiiik-Schreien), erzeugt werden. Dass diese trotz Vorhersehbarkeit (insbesondere gegen Ende) immer noch durch Mark und Bein gehen, ist dem Film nicht zum Ruhm anzurechnen, sondern zeugt bloß von seinem jegliche Subtilität niederwalzenden Vorgehen mit dem Holzhammer des Sound-Designs, dessen schamloser Einsatz die durch Weglassen von Filmmusik vorgegaukelte Realitätsnähe Lügen straft. Insbesondere mit diesen Effekten vollziehen Balagueró/Plaza den endgültigen Schritt in das Subgenre des Nerv-Horrors, das die unerfreuliche Eigenschaft hat, dass in ihm keine positive Wertung möglich ist. Letztlich ist es ein Widerspruch in sich, denn sobald auch der gutwillige Zuschauer durch die "Einfälle" der beiden Regisseure genervt ist und sein Blick gen Armbanduhr schweift, kann man von Horror im eigentlichen filmisch-ästhetischen Sinne nicht mehr sprechen.

Positiv kann man dem Film allenfalls das natürliche Auftreten der Hauptdarstellerin anrechnen, die allerdings die übliche Last tragen muss, deren sich jeder Wackel-Horror zu erwehren hat (sofern er sich nicht verlogen darum drückt wie "Cloverfield"): Irgendwie muss erklärt werden, warum bei allem grauenhaften Geschehen immer noch brav weitergefilmt wird. Dieses Problems waren sich Balagueró/Plaza wohl bewusst (immerhin...) - daher muss Reporterin Angela ihrem Kameraknecht Pablo immer wieder einschärfen, er dürfe auf keinen Fall aufhören zu filmen, dies müsse unbedingt festgehalten werden (In derartigen Situationen mag sich der eine oder andere an die Figur "Gail Hailstorm" in "Scary Movie" erinnern). Doch trägt in den extremen Situationen gegen Ende auch der Anspruch des nimmermüden Dokumentierens nicht mehr die Bürde der Fragwürdigkeit. So filmt der liebe Pablo weiter wie ein Blöder, während direkt vor seiner Nase Menschen zerfleischt werden und er sich ausrechnen kann, dass er eigentlich als nächster dran sein müsste.

Letztlich fügt sich der penetrante Wackel-/Nerv-Horrorfilm "[Rec]" mit "Los sin nombre" ("The Nameless") und "Darkness" in eine Reihe überschätzter spanischer Horrorproduktionen unter der Regie von Jaume Balagueró. Vor allem wegen Mangels an Originalität (das obligatorische US-Remake wirkt hierdurch noch mehr wie ein schlechter Witz) und seines Holzhammer-Vorgehens, jedoch mit Rücksicht auf eine recht ansprechende Leistung der Hauptdarstellerin, sehe ich hier nicht mehr als 3 Punkte gerechtfertigt.

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